Ketogene Ernährung bei Krebs?
Was ist ketogene Ernährung?
Die ketogene Ernährung enthält nur 20–50 g Kohlenhydrate pro Tag – deutlich weniger als in einer gesunden, ausgewogenen Ernährung (ca. 225–325 g/Tag oder 45–65% der Energie). Durch diesen extremen Verzicht stellt der Körper seine Energiegewinnung von Glukose auf Ketonkörper um – ein Zustand namens Ketose.
Was man essen darf:
- Gesunde Fette (Olivenöl, Avocado, Kokosöl, Nüsse)
- Fisch und Fleisch (fetthaltig)
- Eier
- Blattgemüse und kohlenhydratarmes Gemüse (Brokkoli, Blumenkohl, Spinat)
- Fettreicher Joghurt/Käse (begrenzt)
- Kleine Mengen Beeren, wie Himbeeren oder Blaubeeren
Was verboten ist:
- Zucker, auch natürliche Formen wie Honig, Ahornsirup oder Agavendicksaft
- Süßigkeiten
- Getreide (Weizen, Reis, Hafer, etc.)
- Hülsenfrüchte
- Obst (fast alles, außer kleine Mengen Beeren)
- Stärkehaltiges Gemüse (Kartoffeln, Mais, Süßkartoffeln)
- Alkohol und künstliche Zusatzstoffe
Warum rückte die ketogene Ernährung ins Blickfeld der Krebsforschung?
Die Idee basiert auf Otto Warburgs bahnbrechender Erkenntnis in 1920er Jahren, die nach wie vor gültig ist: Im Gegensatz zu gesunden Zellen, die Sauerstoff zur Energiegewinnung verwenden, arbeiten Krebszellen im Gärungsstoffwechsel ohne Sauerstoff. Diese Form der Energiegewinnung ist sehr ineffizient, daher benötigen Krebszellen große Mengen an Glukose, um ihren Energiebedarf zu decken. Krebszellen brauchen also viele Kohlenhydrate für ihr Wachstum.
Die daraus entwickelte Annahme: Wenn man dem Körper Kohlenhydrate entzieht, verlieren Tumore ihre bevorzugte Energiequelle, während gesunde Zellen ihren Energiebedarf durch Ketonkörper decken können. Diese Theorie ließ die ketogene Diät für viele Menschen mit Krebs attraktiv erscheinen – vor allem als ergänzende Methode neben Chemo-, Strahlentherapie oder Immuntherapie.
So viel zur Theorie.
Warum wir im 3E-Zentrum Menschen mit Krebs von einer ketogenen Ernährung abraten
Für uns sprechen 7 wesentliche Gründe gegen eine ketogene Ernährung bei Krebs:
1. Die Anwendung zeigt nicht den gewünschten Effekt
Die Annahme, Krebszellen ernährten sich ausschließlich von Glukose und die Krebszellen würden verhungern, wenn man dem Körper durch Kohlenhydratverzicht Glukose entzieht, stimmt leider nicht. Wäre diese Theorie korrekt, müssten Menschen mit Krebs durch konsequenten Verzicht auf Kohlenhydrate geheilt werden können. Genau das ist jedoch nicht der Fall. Untersuchungen, wie beispielsweise zur insulininduzierten hypoglykämischen Therapie (IHT), zeigen vielmehr, dass die Absenkung des Insulinspiegels keine Veränderung bei der Stoffwechselaktivität von Tumoren bewirken konnte. Hier die Stellungnahme der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) zu diesem Thema.
2. Krebszellen können auch Ketonkörper verwerten
Entgegen der Theorie konnten wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Krebszellen in der Lage sind, Ketonkörper aufzunehmen – teilweise sogar verstärkt. Bereits 2010 beschrieb Dr. Bonuccelli (Cell Cycle. 2010 Sep 1;9(17):3506–14), dass Tumore unter Einfluss von Ketonkörpern bis zu 250 % schneller wachsen können. Damit wurde ein zentrales Argument für den Einsatz einer ketogenen Ernährung bei Krebs widerlegt, nämlich dass Krebszellen keine Ketonkörper nutzen können.
Bei einer ketogenen Ernährung verzichtet man auf Kohlenhydrate, doch das Gehirn ist weiterhin auf Energie angewiesen. Daher produziert die Leber Ketonkörper als Ersatz für Glukose.
3. Die Leber ist bei einer Krebserkrankung stark belastet
Die Leber ist bei Menschen mit Krebs ohnehin schon sehr stark belastet, da Tumore in großen Mengen Milchsäure produzieren. Diese gelangt ins Blut und wird in der Leber wieder in Glukose umgewandelt. Allein durch die Tumoraktivität befindet sich die Leber also bereits in einem permanenten Überlastungszustand. Würde die Leber nun auch noch gleichzeitig zur Produktion von Ketonkörpern gezwungen, könnte dies ihre Entgiftungsleistung stark einschränken und die Leber insgesamt überfordern.
4. Kohlenhydratmangel aktiviert das Notfallprogramm des Körpers
Einen Mangel an Kohlenhydraten interpretiert unser Körper als Notsituation. In der Folge schaltet er auf ein evolutionäres Notfallprogramm (Ketose) um, das sämtliche Systeme betrifft: Herz, Nieren, Leber, Haut und Gefäße. Die Ketose soll das Überleben in Mangelsituationen sichern: Der Körper muss seine Art der Energiegewinnung komplett umstellen, die Leber muss einen Großteil der Energiegewinnung übernehmen und ist dadurch besonders stark gefordert.
Eine Krebserkrankung selbst ist bereits ein Notfallprogramm unseres Körpers – Tumore entstehen als Antwort auf eine langanhaltende Belastung. Einem Körper, der bereits im Notfallprogramm „Krebs“ arbeitet, nun noch ein zweites Notfallprogramm „Ketose“ aufzubürden, kann nicht unterstützend wirken.
Menschen mit Krebs müssen ihren Körper entlasten, aufbauen, stärken und in einen energiegeladenen Zustand versetzen – damit er in der Lage ist, den Tumor aktiv abzubauen.
5. Ketogene Nahrungsmittel sind problematisch bei Krebs
Nicht nur die Energiegewinnung bei einer ketogenen Ernährung ist für die Leber belastend, auch die Lebensmittel, die in einer ketogenen Ernährung bevorzugt gegessen werden sollen, beziehungsweise die Verteilung der Makronährstoffe sind problematisch:
70-80% Fettanteil: Um die notwendige Energie aus einer nahezu kohlenhydratfreien Ernährung zu ziehen, werden Kohlenhydrate mit Fett und Proteinen ersetzt. Dadurch steigt der Fettanteil auf bis zu 80%, während er bei ausgewogenen Ernährungsformen um die 30% liegt. Der extrem hohe Fettanteil einer ketogenen Ernährung belastet die Leber bei der Verdauung besonders stark.
Fisch: Aufgrund der globalen Gewässerbelastung, zählt Fisch mit zu den am stärksten durch Schwermetalle und Umweltverschmutzung belasteten Lebensmitteln überhaupt. Zuchtfisch aus Aquakulturen erfordert aufgrund der unnatürlichen Haltungsbedingungen hohe Medikamentengaben. Auch die Futtermittel für Zuchtfisch (Fischmehl/Fischöl) sind stark mit Schadstoffen belastet, darunter Ethoxyquin und andere Pestizide.
Fleisch: Verarbeitetes Fleisch wurde bereits 2015 als krebserregend (Gruppe 1) eingestuft, rotes Fleisch als wahrscheinlich krebserregend (Gruppe 2A), nachdem über 800 Studien weltweit ausgewertet wurden und einen Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Krebserkrankungen aufgezeigt haben. Fleisch ist außerdem ein starker Säurebildner im Körper, was sich bei Menschen mit Krebs durch die hohe Milchsäureproduktion von Tumoren besonders negativ auswirkt.
Fehlende Vitamine und Nährstoffe: Frische Früchte sind einer der Hauptlieferanten für lebensnotwendige Vitamine und Nährstoffe. Durch den weitgehenden Wegfall von Früchten und anderen kohlenhydratreichen Lebensmitteln in einer ketogenen Ernährung kann es zu Mangelerscheinungen und Heißhungerattacken kommen.
6. Ketose führt zu Muskelschwund und fördert Gewichtsverlust
Eine ketogene Ernährung kann vorübergehend ein wirksames Mittel sein, um überflüssige Pfunde loszuwerden. Für Menschen mit Krebs ist ein Gewichtsverlust jedoch in der Regel nicht wünschenswert – im Gegenteil: da ein Tumor den Körper bereits schwächt und auszehrt, ist das Ziel vielmehr, Substanz zu erhalten, statt Gewicht zu verlieren.
Dieser Gewichtsverlust kommt jedoch nicht nur durch Fettabbau, sondern durch den Abbau von Muskelmasse zustande, der bei einer ketogenen Ernährung fast unvermeidlich ist.
Warum ist das so?
Bei einer ketogenen Ernährung werden Kohlenhydrate drastisch reduziert. Das Gehirn bezieht seine Energie normalerweise zu 100% aus Glukose, kann sie jedoch im Notfall bis zu 60% aus Ketonkörpern decken. Da das Gehirn trotz Kohlehydratmangel weiterhin Glukose für sein Überleben benötigt, stellt die Leber diese Glukose aus körpereigenen Aminosäuren her – und die stammen vor allem aus den Muskeln.
Dem Körper bleibt bei einer ketogenen Ernährung also keine andere Wahl, als wertvolle Muskelsubstanz zu opfern, um das Überleben des Gehirns zu sichern.
7. Studienergebnisse können keinen Nutzen belegen
Selbst die Schulmedizin konnte bisher keinen klaren Nutzen einer ketogenen Ernährung bei Krebs belegen. Befürworter führen vereinzelt eine Untersuchung von Prof. Ulrike Kämmerer an, die 16 Menschen mit fortgeschrittener Krebserkrankung untersuchte:
- Zwei Personen verstarben bereits in der 2. bzw. 5. Woche nach Einführung der ketogenen Ernährung.
- Drei weitere Personen brachen die Studie aufgrund des Fortschreitens ihrer Erkrankung ab.
- Zum langfristigen Krankheitsverlauf der verbleibenden 11 Personen gibt es keine Informationen.
Warum diese Ergebnisse dennoch als Argument für den Erfolg der ketogenen Ernährung bei Krebs herangezogen werden, bleibt unklar.
Interview mit Lothar Hirneise: „Finger weg von Keto! Welche Ernährung bei Krebs wirklich hilft!”
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